Lehrer-Sein


Ich habe unterrichtet. Nicht an einem College oder einer Universität, sondern an vier verschiedenen öffentlichen High-Schools in New York City. […]

Man stellt es sich so vor:

Man geht ins Klassenzimmer, bleibt einen Moment stehen, wartet, bis Ruhe eintritt, sieht zu, wie die Schüler ihre Hefte aufschlagen und ihre Kulis klicken lassen, sagt ihnen, wie man heißt, schreibt es an die Tafel und fängt mit dem Unterricht an.

Auf dem Pult hat man den Englisch-Lehrplan der Schule. Man unterrichtet Rechtschreibung, Wortschatz, Grammatik, Leseverständnis, Aufsatzschreiben, Literaturgeschichte.

Man kann es nicht erwarten, zur Literatur zu kommen. Da wird es lebhafte Diskussionen über Gedichte, Stücke, Essays, Romane, Kurzgeschichten geben. Hundertsiebzig Hände werden in die Höhe schnellen, und die Schüler werden rufen, ich, Mr. McCourt, ich, ich möchte etwas sagen.

Man hofft, sie werden etwas sagen wollen. Man will nicht, dass sie nur dasitzen und gaffen, während man sich abmüht, den Unterricht in Gang zu halten.

Man wird sich an der Fülle der englischen und amerikanischen Literatur laben. Wie herrlich wird das sein mit Carlyle und Arnold, Emerson und Thoreau. Und erst mit Shelley Keats, Byron und dem guten alten Walt Whitman. Die Schüler werden gar nicht genug kriegen von all der Romantik und Rebellion, all der Auflehnung. Und man selber wird auch seine Freude daran haben, denn tief drinnen und in seinen Träumen ist man ein ungestümer Romantiker. Man sieht sich selbst auf den Barrikaden.

Rektoren und andere Respektspersonen draußen auf dem Flur werden Jubelrufe aus dem Klassenzimmer vernehmen.

Staunend werden sie durchs Türfenster spähen und die vielen erhobenen Hände sehen, den Eifer und die Erregung auf den Gesichtern dieser jungen und Mädchen, dieser zukünftigen Klempner, Elektriker, Kosmetikerinnen, Schreiner, Mechaniker, Stenotypistinnen, Maschinisten.

Man wird dich, den Lehrer, für Preise und Auszeichnungen vorschlagen: Lehrer des Jahres, Lehrer des Jahrhunderts. Man wird dich nach Washington einladen. Eisenhower wird dir die Hand schütteln. Zeitungen werden dich, einen ganz normalen Lehrer, nach deiner Meinung über das Bildungswesen fragen. eine kleine Sensation: Ein Lehrer, den man fragt, was er vom Bildungswesen hält. Wow.

Uff! Da sind sie.

Die Tür knallt gegen die Leiste unten an der Tafel und wirbelt eine Kreidewolke auf. Ein Mordsspektakel. Sie könnten doch einfach hereinkommen, guten Morgen sagen und sich hinsetzen. Aber nein. Sie müssen schubsen und drängeln. Einer sagt in gespielt drohendem Tonfall He, ein anderer kontert sofort mit He. Sie beleidigen einander, ignorieren das zweite Klingeln, lassen sich Zeit mit dem Hinsetzen. Alles klar, Baby. Guckt mal, da sitzt ein neuer Lehrer, und neue Lehrer haben keinen Schimmer von gar nichts. Was soll's? Klingel? Lehrer? Neuer Typ. Wer ist das? Wen juckt's? Sie unterhalten sich über mehrere Reihen hinweg, rekeln sich in Bänken, die zu klein für sie sind, strecken die Beine aus und lachen, wenn einer drüberstoIpert. Sie schauen aus dem Fenster, auf die amerikanische Flagge oder auf die Bilder, die Miss Mudd, inzwischen pensioniert, an die Wände gehängt hat, Bilder von Emerson, Thoreau, Whitman, Emily Dickinson und - wie kommt der hierher? - Ernest Hemingway. Es ist das Titelbild aus der Illustrierten Life, man sieht es überall. Mit Taschenmessern ritzen sie ihre Initialen in die Tischplatten, Liebeserklärungen mit Herzen und Pfeilen neben den alten Schnitzereien ihrer Väter und Brüder. Manche Tischplatten sind so ramponiert, dass man die eigenen Knie durch die Löcher sieht, wo früher Herzen und Namen waren. Pärchen sitzen nebeneinander, halten Händchen, flüstern und sehen sich tief in die Augen, während drei Jungen ganz hinten mit dem Rücken an den Spindtüren dubidu singen, Bass, Bariton und Oberstimme, Mann, mit den Fingern schnippen und allen zeigen, dass sie einfach nur verliebte Teenager sind. Fünfmal täglich kommen sie hereingepoltert. Fünf Klassen, dreißig bis fünfunddreißig pro Klasse. …

Mein letzter Tag …

Ich denke mir oft, ich sollte ein strenger, disziplinierter Lehrer sein, durchorganisiert und zupackend, ein John Wayne der Pädagogik, ein irischer Schulmeister mit Zeigestab, Riemen und Rohrstock. Strenge Lehrer bieten vierzig Minuten lang ihre Waren feil. Verdaut den Stoff, Kinder, und denkt dran, dass ihr ihn am Prüfungstag wieder hochwürgen müsst.

Manchmal scherze ich: Setz dich auf deine vier Buchstaben, junge, und sei still, sonst reiß ich dir den Kopf ab. Dann lachen sie, weil sie mich kennen. Ist er nicht süß? Wenn ich den harten Burschen spiele, hören sie höflich zu, bis der Anfall vorbei ist. Sie kennen mich. Ich sehe meine Klasse nicht als geschlossene Einheit. Ich habe Gesichter vor mir, die verschiedene Abstufungen von Interesse oder Gleichgültigkeit erkennen lassen. Gleichgültigkeit regt mich auf. Warum schwätzt der kleine Mistkerl mit seiner Nachbarin, statt mir zuzuhören? Entschuldige, James, aber hier läuft eine Unterrichtsstunde.

Ach ja, klar.

Das ist ihre letzte Stunde an der High School, und meine auch. Die Glocke läutet, und sie bewerfen mich mit Konfetti. Sie wünschen mir ein schönes Leben. Ich wünsche ihnen dasselbe. Bunt gesprenkelt gehe ich durch den Korridor. Jemand ruft mir nach, he, Mr. McCourt, Sie sollten ein Buch schreiben.

[Aus: Tag und Nacht und auch im Sommer. Von Frank McCourt]




*Coaching, Supervision, Counselling. Udo Alberts-Fleige. Tübingen (Stuttgart) Ich arbeite zusammen mit Bettina Friedrich-Müller, Entspannungstrainerin, Neurobiologin (Tübingen-Bühl), Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung, Stressbewältigung, Klientenzentrierte Beratung